The Upper-Palatinate-Hole

Das Smartphone gehört mittlerweile zum besten und treuesten Begleiter der Deutschen. In der Oberpfalz haben es aber Hersteller der kleinen Technikwunder extrem schwer. Die Umsätze sind teilweise um bis zu 70% geringer als im Rest Deutschlands. Selbst in den strukturschwächsten Gegenden der Bundesrepublik (Zone) besitzen die Befragten einer repräsentativen Studie 50% mehr Smartphones als in der Oberpfalz. Woher kommt dieses, von Experten der Mobilfunkindustrie bereits als "Upper-Palatinate-Hole" betitelte und regional doch sehr gut abgrenzbare Umsatzloch? Der Oberpfalz Anzeiger auf Spurensuche.

Valtentin Sackl, Schweinezüchter und Biogasanlagenbetreiber, 55 Jahre alt, Tech-Savvy aus Neukirchen bei Su.-Ro., zeigt uns seine Werkstatt. Man merkt dem Familienvater an, dass er technikbegeistert ist: Sein Maschinenpark würde für die meisten Tischler- und Elektroinstallateursbetriebe vollkommen ausreichend sein. Doch beim Handwerken hört seine Leidenschaft für elektrisch betriebene Gimmicks nicht auf. Auch im Haushalt und im Wohnzimmer verlässt sich Sackl auf die Technik. Morgens wird die Kaffeemaschine per Fernsteuerung neben dem Bett zum Leben erweckt, seine Jalousien steuert er bequem per Knopfdruck aus dem Auto und auf dem Rasen im Garten dreht ein Mähroboter einsam seine Kreise.

Auf einmal ertönt ein altbekannter Ton aus Sackls Hose. Es ist die monophone Variante von Beethovens Klavierklassiker "Für Elise". Sackl greift in seine Tasche und zieht ein Nokia 3310 heraus. Verdutzt schauen wir drein. Ein Early-Adpoter wie der 55-jährige, der, wenn es denn gehen würde, am liebsten auch noch seine Klobürste per Joystick steuern würde, besitzt ein Mobiltelefon mit Tasten für die Zahlen? Ernsthaft?

Woher denn auf einmal die Leidenschaft für den Purismus und die Analogität komme, fragen wir nach. Sackl schnauft kurz und beginnt dann: "So a Dreckssmattphoun schaff i mir nimma o. Des daugt koan schuss Bulva. I ho scho a amal so a Drumm ghabt, so is ja niad. Glei ways assakumma is, so 2007 umanand, howe ma oans kafft." Stundenlang hätte er vor dem Geschäft eines bekannten Herstellers in München zugebracht um sich eines der ersten Exemplare zu sichern. "I als oida Technikfanatika brauch natürlich imma des neiste Zeich. Und dann binne am erstn Dooch glei ins Holz damid, weile wissn wollt, ob des Drum a unter Extrembedingungen funktioniert."

Auf unsere Frage, ob denn der Staub das Problem gewesen sei, er mit der Bildqualität der Kamera nicht zufrieden war oder ob gleich das Display beim ersten Einsatz brach, schenkt uns Sackl nur ein müdes Lächeln. "Grampf, vüll essentieller." führt er weiter aus. Beim Fällen eines Käferbaumes im Niederloher Forst sei es zu einem normalen Unfall gekommen, sein Mitarbeiter, Fruth Oskar wurde am Bein verletzt. "Da Ossi hod baygt way a Sau, und bloudt, Wahnsinn. Howe gsagt <Ossi, mach da koan Stress, i ho mei Smattphone dabei, i rouf n Nodarzt o, der is in 5 Minuttn dou>. Nou howe mei Smattphone assa dou und hob oroufa wölln. Bloß 112, gell, also nix dramatischs."
Der Landwirt wird ernster. Sein Blick schweift in die Ferne. "I wollt wähln, owa i ho niad kinna. I ho niad kinna. Da Ossi hod bleert, owa i ho niad wähln kinna, es Smattphone is niad ganga. A Netz howe ghabt, a guads, an Akku howe a ghabt! 98%! Owa i ho niad wähln kinna!" Valentin Sackl wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. "Mei Hornhaud woa einfach z'dick. Da Taatschscreen is niad ganga." Oskar Fruth hat den Unfall nicht überlebt. Hätte einer der beiden ein - Zitat Sackl - "echtes Telefon" dabeigehabt, würde er heute mit großer Wahrscheinlichkeit noch leben.

Das Problem mit den Touchscreens kannten im Jahr 2007 viele Oberpfälzer. Ein paar hatten Glück, bei ihnen funktionierte der berührungsempfindliche Bildschirm wenigstens mit dem kleinen Finger. Die meisten konnten ihre neu erworbenen Mobiltelefone jedoch überhaupt nicht bedienen. Um die große Investition von meist über 400€ trotzdem nutzen zu können, behalfen sich damals viele mit einem Trick, der wiederum den hiesigen Metzgern einen gehörigen Umsatzzuwachs bescherte.
Frische Weißwürste wurden kurzerhand als Touchscreeneingabehilfen umfunktioniert. "A jeda wollt damals unsere Wiascht hom firs Smattphoun" erinnert sich der Hohenloher Metzgermeister Joseph Birzler. Seine Würste seien als Fingerersatz dabei besonders beliebt gewesen. Das besonders magere Brät hinterließ auf den Touchscreen wenig Schlieren und die Fleischwaren hielten sich zudem wochenlang.

"Dass der Oberpfälzer an sich ja gerne zu rudimentären, trivialsten Lösungen greift ist längst bekannt. Aber in diesem Fall war auch eine Ethikgrenze überschritten.", erklärt uns Patrick Kindsager, Abteilungsleiter bei einem großen Elektronikhandel aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach. "90% der Menschen hier besitzen eine Hornhaut, die viel zu dick ist, um einen modernen Touchscreen überhaupt bedienen zu können. Bis wir ihnen mit Eingabestiften weiterhelfen konnten, versorgten sich die Menschen eben selbst, und das teilweise auf kuriose Art und Weise."
Kindsager führt uns ins sein Büro und zeigt uns Fotos der absurdesten Eingabehilfen: Würste aller Art, angefangen beim Bierschinkenröllchen bis zur Wiener, Regenwürmer, Schweinsdärme, welche über die Finger gewickelt wurden. "Der Mensch kann in der Not sehr erfinderisch sein.", versichert Kindsager und zeigt uns sein Lieblingsexemplar: Eine abgeschnittene Schafsnase, welche auf dem Finger eines Arbeitshandschus montiert ist.


Valentin Sackl ärgert sich heute noch, damals beim Unfall keine gescheite Brotzeit dabeigehabt zu haben. "Mir homma bloß a Hartwurscht ghabt und mit dera hayds eh niad funktioniert...", trauert der 55-jährige. Eines hätte er jedoch aus der ganzen Misere gelernt: "Wer a Smattphoun ohne Hilfsmittl bediena koh, hod nu nie in seim Lebn wos g'orwat."


Ein Bericht von Jerome Leutmooser.


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Kommentare: 1
  • #1

    Jaques mont´ Gruber (Dienstag, 14 Juli 2015 13:06)

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    (Neupreis bei Quelle 1998: 12,95 DM)

    Gebrauchsspuren vorhanden!
    -Antenne bei beiden abgebrochen, jedoch noch lose vorhanden (ka ma ja repariern)
    - "Speak"- Taste bei 1 Gerät klemmt (mit ein paar Hammerschlägen gehts aber dann immer für a viertl Stund)
    -und jetzt der Hammer: die Originalrechnung liegt bei!